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Was ist wirklich wichtig für eine optimale Weinlagerung? 1. von 6 Schlüssel-Faktoren: Lagerfähigkeit

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Wenn über Weinlagerung gesprochen wird, dann ist die Rede schnell von der ‘richtigen’ Temperatur – und wie wichtg es sei, dass diese nicht zu warm, aber auch nicht zu kalt und immer schön stabil bleibe.

Dem wäre im Grunde nichts entgegenzuhalten, wenn dabei nicht oft vor lauter Temperaturversessenheit das Wichtigste in Vergessenheit geraten würde.

Es ist ein bisschen wie mit dem König, der keine Kleider trug: da wird an halben Graden der richtigen Weintemperatur herumphilosophiert, aber dieselbe Flasche ist während Monaten im Schaufenster gestanden. Oder man lagert Flaschen mit Korkzapfen, welche man einfach ihrem Schicksal überlässt – und dabei riskiert, dass die Korken undicht werden, Schimmel ansetzen oder Gerüche übertragen. Selbst Labor-Temperaturbedingungen reichen alleine nicht aus, um sicherzustellen, dass ein Wein über längere Zeit intakt bleibt oder sich gar positiv entwickelt.

In diesen in loser Folge zusammengestellten Artikeln schauen wir uns 6 wesentliche Faktoren an, welche im Zusammenspiel ausschlaggebend dafür sind, dass Wein auch nach jahrelanger, gar jahrzentelanger Lagerung geniessbar bleibt, oder sogar noch besser, feiner, differenzierter wird.

 

1. Schlüssel-Faktor: Lagerfähigkeit

Jetzt trinken:
Zuerst gilt es einmal festzustellen, dass längst nicht jeder Wein sich zur Lagerung eignet. Es gibt Tropfen, die ‘perfekt’ daherkommen, kaum sind sie abgezapft. Das gilt oft für leichte Weine, aber auch immer mehr für schwere, ausgebaute, jedoch ‘modern’ fermentierte Produkte. Weine also, welche vom Winemaker (ein übles Wortgebilde) während des Vinifizierungsprozesses so strukturiert und beinflusst werden, dass der Wein, kaum in der Flasche, daherkommt, als habe er schon 10 Jahre im Keller gelegen und einen zumindest ersten Eindruck erweckt, er habe diese durch die Lagerung gewonnene Feinheit und Raffinesse inne. Die ‘sofort konsumieren’ Mentalität hat auch vor dem Wein nicht halt gemacht.

Lagern:
Dann sind da die traditionell fermentierten Weine. Sie müssen sich selbst in der ‘alten Welt’ (Frankreich, Italien, Spanien) je länger je mehr ihren Platz erkämpfen, werden doch auch in vielen Weingütern dieserorts vermehrt ‘fertig ausgebaute’ Produkte feilgeboten.
Nun gibt es aber immer noch, und in diversen Gegenden gar wieder vermehrt,  die Weingüter, welche sich insofern einen Schritt zurücknehmen, als dass sie die Natur, die Erde, den Wind, das Wetter und die Sonne den Wein ‘machen lassen’. Kein ehrgeiziger ‘Wine Maker’, der den Wein ‘macht’, sondern  geduldige Hüter, welche den Wein pflegen. Den Wein ‘machen’ zu wollen, wäre anmassend – und führte zu fragwürdigem Resultat, so der Wortlaut dieser Hüter des Weins. Die Natur lässt uns solche Abkürzungen (Wine-Making) nicht ohne Abstriche durch. Spätestens beim Schwenken des Glases wird das dem echten Geniesser bewusst.
Was aus solch im wörtlichen Sinne ‘geerdeter’ Philiospie entsteht, sind naturverbundene, intensive, manchmal gar ungestüme Weine, welche nach alter Tradition, aber mithilfe aktuellstem Wissen erzeugt wurden und oft durch jahrelange Lagerung besser, oder gar herausragend werden.

Sind im Holz ausgebaute Weine lagerfähig? Die Antwort ist: ‘it depends’. Die Tannine, welche aus dem Holz in den Wein übergehen, haben eine konservierende Wirkung und machen Fass-ausgebauten Wein tendenziell lagerfähiger. Weitere wichtige Konservatoren sind Alkoholgehalt, Zucker-  sowie Säureanteil. Je mehr davon, desto lagerfähiger der Wein. Die beiden letzteren sind insbesondere für die Lagerung von Weisswein massgebend. Es wäre nun jedoch vermessen, jeden Wein, der ‘Barrique’ gesehen und einen hohen Alkoholgehalt hat, als besonders lagerfähig zu bezeichnen. Es kommen weitere Faktoren hinzu – insbesondere die Art der Vinifizierung kann einer späteren Lagerung zu- oder abträglich sein. Es ist in jedem Fall ratsam, sich beim Kauf oder in einschlägiger Literatur schlau darüber zu machen, welchen Wein man wie lange lagern sollte, um ein möglichst optimales Genuss-Erlebnis zu erzielen.

Es gibt je nach Wein erhebliche Unterschiede, wie lange dieser gelagert werden sollte – und wie lange er gelagert werden ‘kann’. Je länger Wein gelagert wird, desto wichtiger wird die fachgerechte Lagerung, sprich, die Berücksichtigung der in dieser Blog-Serie besprochenen 6 Schlüssel-Faktoren. Liegt eine Kiste Wein nur ein paar Monate im Keller, braucht man sich über optimale Lagerungsbedingungen kaum den Kopf zu zerbrechen.
Generell kann man sagen, dass eine 1 bis 2 jährige Lagerung für sehr viele rote Weine, die ganz leichten mal ausgeklammert, sich tendenziell positiv auswirkt.

Geniessen:
Mancher Wein gewinnt oft schon in dieser relativ kurzen Lager-Zeit: er wird erst wirklich geniessbar, sprich,  weniger hart, weniger rauh, weniger sauer, dafür geschmeidiger, eben runder.
Sehr lagerfähige Weine hingegen können nach langjähriger Lagerung im wörtlichen Sinne verwandelt werden: wie die Raupe zum Schmetterling. Was vorher hart, unausgewogen, vielleicht sauer oder gar bitter erschien, wird nun ein Höhepunkt des Genusses. Warum würde man sonst diese Tropfen über halbe oder gar ganze Generationen hinweg wie seinen Augapfel hüten?

 

Zusammenfassend kann man sagen: Die ‘Convenience-Food’ Kultur hat auch vor dem Wein nicht halt gemacht. Convenience-Produkte brauchen nicht gelagert und gehegt zu werden, sondern sind zum unmittelbaren Verzehr gedacht. Erzeugnisse hingegen, welche im Rhythmus der Natur gebildet und ausgebaut wurden, eignen sich tendenziell nicht für ungeduldigen ‘hier und- jetzt’-Konsum. In der Flasche angekommen, sind sie im Gegensatz zu den ‘Convenience-Weinen’ oft noch nicht fertig. Man sollte bei derartigen Weinen auch nach der Abfüllung sorgsam dem Takt der Natur folgen und dem Wein die Geduld und die Zeit zollen, die er braucht, um sich zu seinem ganzen Potential zu entfalten.

 

Hier geht es zum 2. Schlüsselfaktor der Weinlagerung.

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